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28 Jun, 2010

Durch Prag mit Kafka und Kundera

Geschrieben von: Carmen in der Kategorie: Bücher| Reisen

Städtereisen bieten neben des Erwerbs eines neuen Reiseführers auch die Möglichkeit, sich über Literatur der Stadt anzunähern. Insbondere dann, wenn Autoren, die in dieser Stadt lebten oder leben, einen Roman geschrieben haben, dessen Geschichte auch vor den Kulissen dieser Stadt spielt. Für Prag habe ich mir Milan Kunderas Roman “Das Leben ist anderswo” ausgesucht. Eine hervorragende Wahl! Außerdem entdeckte ich im Rahmen des Kafka-Museum-Besuchs interessante Biographien über Franz Kafka, unter anderem den “alternativen Reiseführer” “Zu Fuß durch Kafkas Prag”. Eine ebenso gute Ergänzung zu Kundera!

Kundera führt seine Leser nicht nur durch das Prag der Nachkriegszeit, sondern spiegelt in seinem Roman auch die politische Entwicklung in der kommunistisch regierten Tschechoslowakei wider. Anhand der Erzählung der Lebensgeschichte des jungen Poeten Jaromil bietet Kundera Einblicke in das Prager Leben und die Prager Gesellschaft jener Zeit. Kundera schildert an Schicksalen seiner Romanfiguren die Auswirkungen der kommunistischen Machtübernahme und geht in diesem Zusammenhang der Frage nach, was denn die menschliche Existenz tatsächlich ausmacht. Wir erhalten einen Eindruck von dem Leben der Menschen in Prag während des Zweiten Weltkriegs und von den Änderungen der Lebensumstände durch die kommunistische Führung. Kunderas Figuren leben und bewegen sich in Prag, gehen zur Schule, zur Universität oder einfach Spazieren. Der Erzähler bindet uns in dieses Geschehen mit ein und bietet uns die Möglichkeit, seinen Protagonisten auf diesen sowohl historischen als auch geographischen Wegen zu begleiten.

“Zu Fuß durch Kafkas Prag”: Dieser “etwas andere” Reiseführer führt seine Leser durch Kafkas Leben und dementsprechend durch Kafkas Prag. Durchaus anschaulich werden die Orte aus Kafkas Leben beschrieben, angefangen bei seinem Geburtshaus über die verschiedenen Wohnungen der Familie Kafka, Franz Kafkas Schulen, die Universität, seiner Arbeitsstätte bis zu seinem Grab. Wir können Kafka durch Prag verfolgen, und die im Touristengetümmel oftmals nur eines flüchtigen Blickes gewürdigten Bauwerke erhalten durch Kafkas Lebensgeschichte eine tiefere Bedeutung. Außerdem ist dieses kleine, gebundene Buch sehr übersichtlich angeordnet und mit einer Wegbeschreibung und einem leicht zu interpretierenden Stadtplan versehen.

Innerhalb der einzelnen Kapitel, die nach Stationen seines Lebens geordnet sind, begleiten wir Kafka auf seinen Schulwegen, zur Universität und dürfen an den Ausblicken seiner jeweiligen Zimmer teilhaben. Er beschreibt das Treiben auf den Straßen und die Stille der Gassen. Der Ausblick schien für Kafka bei der Wahl eines Zimmers besonders wichtig und inspirierend für seine literarische Kreativität gewesen zu sein, so hält er beispielsweise in seinem Tagebuch nach einem Umzug in eine andere Wohnung fest: “…Ich bin von der Aussicht so abhängig, die ist hier schön, die Teinkirche…”

Die beiden Bücher haben sich als geniale Ergänzung zueinander und natürlich zu einem der obligatorischen Städteführer, den man als Basis zur Erkundung Pags nutzen sollte, erwiesen. Teilweise ergänzen sich die beiden Bücher sogar zu sehr, denn stellenweise gelang es mir tatsächlich nicht mehr, das Leben des Protagonisten aus Kunderas Roman von der Biographie Kafkas zu unterscheiden. Erstaunlicherweise gab es Parallelen zwischen familiären Hintergründen und Lebensschicksalen beider Personen bzw. Figuren, so dass ich nach wie vor überlegen muss, welche Details zu welcher Geschichte gehören. Nicht zuletzt stirbt Kafka früh an Tuberkulose und Jaromil, Kunderas zentrale Romanfigur, als junger Mann an einer Lungenentzündung.

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