07 Jun, 2010
Theresienstadt - das strukturierte Grauen
Geschrieben von: Carmen in der Kategorie: Reisen
Theresienstadt befindet sich lediglich ca. 50 km von Prag entfernt und ist somit für jeden Pragreisenden ein zu realisierendes Reiseziel. Aber es ist durchaus mehr als ein Ausflug und wird mit Sicherheit jedem, der es gesehen hat, in bleibender Erinnerung verhaftet sein.
Für mich war es zunächst auch ein es-liegt-ja-auf-dem-Weg Intermezzo, doch da ich vor einigen Jahren eine Dokumentation auf Arte über Theresienstadt gesehen habe, zog es mich sehr dorthin.
Im Wesentlichen symbolisierte für mich jene Tatsache den Horror Theresienstadts, dass hier die Welt bereits vor 1945 hätte mitbekommen können, was sich wirklich in den Konzentrationslagern abspielte. Im Juni 1944 wurde dem Internationalen Roten Kreuz gestattet, eine Delegation zur Prüfung der Lagersituation nach Theresienstadt zu senden. Bereits 1943 beantragte das Rote Kreuz eine Besichtigung, die jedoch von den Nazis lange hinausgezögert wurde.
Ganze neun Monate verbrachte das Naziregime mit den Verschönerungsmaßnahmen Theresienstadts. Es
durfte von nun an musiziert werden – auch die sonst so verhasste amerikanische Jazzmusik wurde genehmigt - , es fanden Theateraufführungen und andere kulturelle Veranstaltungen statt. In diesem Zusammenhang wurde auch das Bild der Stadt, deren elementarer Bestandteil die Menschen waren, „verschönt“. Die Deportationen nach Auschwitz und anderen Vernichtungslagern nahmen zu, um Alte, Kranke und all jene Menschen loszuwerden, die nicht in das angestrebte „gesunde“ Bild der Stadt passten. Das Lager war ohnehin zu voll und hätte mit dieser Bevölkerungszahl einen schlechten Eindruck hinterlassen.
Jene, die dort bleiben durften, wurden körperlich aufgepäppelt und neu eingekleidet. Der Tag der Besichtigung wurde von nun an minutiös einstudiert.
Ein Ausschnitt aus der Fernsehdokumentation wird mir wohl bis in alle Ewigkeit in Erinnerung bleiben: Die Kinder kamen zum Essen in einen Gemeinschaftssaal. Ein Junge fragte, was es denn heute zu essen gäbe. Er musste den SS-Kommandanten „Onkel“ nennen. Letzterer gab bekannt, dass es Fisch geben wird, woraufhin die versammelte Mannschaft der Kinder nörgelnd sagen musste: „Aaaah, schon wieder Fisch!“ Die meisten der über 10.000 in Theresienstadt inhaftierten Kinder wurden in die Vernichtungslager im Osten deportiert. Nur ein verschwindend geringer Teil dieser Kinder überlebte. Mit allen zur Verfügung stehenden Adjektiven ist dieses makabere Theater, das die Kinder einstudieren mussten, nicht auch nur annähernd zu charakterisieren.
Auch die Umgebung wurde für den Besuch vorbereitet: Theresienstadt hieß nicht mehr „Ghetto“ sondern „Jüdisches Siedlungsgebiet“, die Straßen, die zuvor durch die Buchstaben L für längs und Q für quer zugeordnet wurden erhielten nun Namen wie Seestraße oder Rathausgasse. Außerdem wurde ein Café, mehrere Geschäfte und eine Bank eingerichtet. Es wurde wertloses Lagergeld herausgegeben, was als Zahlungsmittel innerhalb des Ghettos eingesetzt werden sollte. Die Häuser wurden verschönert und im Park wurden ein Musikpavillon und ein Kinderspielplatz mit Schaukeln und Spielzeug errichtet. Theresienstadt erweckte fast den Eindruck eines Kurortes.
Das Szenario gipfelt in dem Nazi Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“. Regie führte der bekannte deutsche Regisseur Kurt Gerron. Gerron wurde 1944 von einem SS-Offizier erkannt, verhaftet und nach Theresienstadt gebracht. Es ist anzunehmen, dass Gerron sich durch seine Mitwirkung an dem Propagandafilm erhoffte, von den Nazis verschont zu werden. Nach Abschluss der Dreharbeiten wurden Gerron und andere an diesem Film beteiligte Häftlinge nach Auschwitz deportiert. Ihre Deportation erfolgte mit der Anweisung „Rückkehr unerwünscht“. Alle am Film mitwirkenden Juden wurden in der Gaskammer ermordet.
Das Ghettomuseum in Theresienstadt bietet eine einfühlsam zusammengestellte Sammlung an Bildern und Requisiten dieser Zeit, die auf Tschechisch, Englisch und Deutsch kommentiert werden. Insbesondere die gemalten Bilder der Kinder haben mich tief bewegt, denn sie dokumentieren die gnadenlose Naziherrschaft und das unendliche Leid jener Menschen, die unter dieser bestialischen und willkürlichen Herrschaft leiden mussten.